Der Meister und sein Mönch


Nach einigen Jahren kam ein schon sehr erfahrener Mönch zu seinem Meister und fragte: "Ich bin schon lange in diesem Kloster und habe vieles gelernt und darf sogar jetzt eine kleine Gruppe von Schülern unterrichten - Warum bin ich immer noch nicht erleuchtet?"

Der Meister schwieg für eine gewisse Zeit, dann antwortete er: "Deine Absicht war, Aufgaben zu erfüllen und zu lehren."
Der Mönch antwortete: "Ja, das stimmt und das tue ich gerne, doch die Erleuchtung finde ich nicht, nicht in den Aufgaben und nicht im Lehren."

Der Meister fragte: "Du lerntest, Aufgaben zu erfüllen, du lerntest, Schüler zu lehren - wo war die Aufgabe die Erfüllung, wo war das Lehren ein Lernen?"

Der Mönch blieb still, dann sprach er zum Meister: "Meister, weise mir den Weg, der zur Erleuchtung führt."

Der Meister gab ihm eine schnelle Antwort: "Bitte, geh in die Küche, da warten schon die Aufgaben auf dich."

Der Mönch war erschüttert und fragte höflich den Meister noch einmal: "Meister, in die Küche? - Ist das jetzt meine neue Aufgabe? - Da war ich schon vor vielen Jahren, ich darf doch jetzt schon lehren, ich bin für eine größere Aufgabe bereit."

Der Meister schmunzelte und antwortete: "Eine größere Aufgabe? - Ja, das ist möglich."

Der Mönch freute sich und der Meister sprach zu ihm: "Ich sehe, dass es dir sehr wichtig ist, die Erleuchtung zu erlangen, also, wenn du aus der Küche kommst, räume bitte anschließend dein Zimmer auf."

Nach dieser Antwort verstummte der Mönch und fragte nicht weiter, irgendwie war es nicht das, was er sich vorgestellt hatte, doch sein Wunsch nach Erleuchtung war sehr stark und er folgte den Anweisungen des Meisters.

Es vergingen Jahre, der Mönch wurde immer zorniger auf den Meister, zorniger auf die Arbeit, die er tat, zorniger auf die Schüler, die genau wie er, jetzt Arbeiter waren. So ging er voller Zorn zu seinem Meister und sprach: "Meister, ich arbeite so viel und ich finde die Erleuchtung nicht." - Der Meister antwortete: "Die Gnade ist im Tun und der Begnadete ist, der dies erkennt."

Der Mönch ging wortlos an seine Arbeit zurück. Am späten Abend, als er die Küche verlassen wollte, streifte er mit seiner Hand eine Reisschale, die von der Tischkante herunter fiel. Er kniete sich behutsam zu Boden und sammelte die Scherben der Schale und die Reiskörner auf und plötzlich erkannte er dies:

"Ich bin das Reiskorn, das ich säe, ich bin die Arbeit, die ich tue,

ich bin der Meister, der dieses erschafft,

ICH BIN."